Ibrahim Ibrahim erklärt, wie er der Linken zum Wahlsieg verhalf
Bild: KI-generiert
PFLP-Nähe

Ibrahim Ibrahim erklärt, wie er der Linken zum Wahlsieg verhalf

Ein als PFLP-Unterstützer geltender Aktivist beansprucht den Berliner Wahlsieg der Linken als eigenen Erfolg. Die Partei bestreitet jede Wahlkampfbeteiligung – und muss nun um ihre Regierungsbeteiligung bangen.

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Ibrahim Ibrahim beansprucht den Wahlsieg der Berliner Linken für sich – wenige Tage vor der Regierungsbildung bringt das die Partei in Bedrängnis. Am 23. September wurde eine Glückwunschbotschaft des Aktivisten bekannt: Darin legt der als führender Unterstützer der Volksfront zur Befreiung Palästinas (PFLP) in Deutschland geltende Mann dar, wie er der Linken zum Wahlsieg verhalf.

Die Unterstützung sei „keine spontane Entscheidung“ gewesen, schreibt Ibrahim. Sie sei aus Gesprächen und einer kontinuierlichen Auseinandersetzung mit sozialer Gerechtigkeit, Rechten und Freiheiten sowie der palästinensischen Frage entstanden. Verbreitet habe man sie durch „die Veröffentlichung von Informationen, den direkten Austausch und den Aufruf zur politischen Beteiligung und dazu, die Stimmen nicht zu zersplittern“.

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„Ich bin stolz darauf, dass wir bereits im vergangenen Jahr eine klare Entscheidung getroffen haben, Die Linke zu unterstützen.“
Ibrahim Ibrahim, Unterstützer der PFLP und Vertreter des VPNK

Bereits am Wahlsonntag hatte Ibrahim im Namen des Vereinigten Palästinensischen Nationalkomitees (VPNK) gratuliert und sich selbst als „aktiven Teil dieser Errungenschaft“ bezeichnet. Die Linke bestreitet, dass er in den Wahlkampf eingebunden war.

Wer ist Ibrahim Ibrahim?

Die PFLP ist eine marxistisch-leninistische Organisation, die den Staat Israel ablehnt und den bewaffneten Kampf propagiert. Sie war 1977 an der Entführung der Lufthansa-Maschine „Landshut“ beteiligt und steht seit 2002 auf der EU-Terrorliste, ebenso auf der der USA. Der Berliner Verfassungsschutz rechnet sie dem extremistischen Spektrum zu; verboten ist sie in Deutschland nicht.

Ibrahim vertritt das Vereinigte Palästinensische Nationalkomitee (VPNK). Der Verfassungsschutz beschreibt es als Dachorganisation, unter der Hamas- und PFLP-Anhänger in Deutschland agieren; die F.A.Z. nennt es ein Verbindungsglied zwischen beiden Gruppen. Nach dem Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023 soll Ibrahim den 2024 getöteten Hamas-Chef Yahya Sinwar als „standhaften Führer“ und „Märtyrerhelden“ bezeichnet haben.

Die Organisation democ, die das Protestgeschehen in Berlin beobachtet, dokumentiert, dass Ibrahim 2015 den Terroristen Samir Quntar lobte und im März 2026 Teil einer Delegation war, die in der iranischen Botschaft in Berlin empfangen wurde. Auf einer Kundgebung im April 2025 in Berlin pries er laut taz die „Märtyrer, die ihr Leben gegeben haben, damit diese Sache lebendig bleibt, bis die Al-Aqsa-Moschee befreit wird“.

Ibrahims Auftritte neben der Berliner Linken

  1. 2024
    Lob für einen Hamas-Chef

    Ibrahim soll den 2024 getöteten Hamas-Anführer Yahya Sinwar als „standhaften Führer“ und „Märtyrerhelden“ bezeichnet haben.

  2. 2025
    Gemeinsame Auftritte mit Ferat Koçak

    Ibrahim tritt bei Veranstaltungen von Amnesty International und der Linken Neukölln als Redner des VPNK auf – neben dem Bundestagsabgeordneten Ferat Koçak. Im August 2025 veranstaltet die Neuköllner Linke mit dem Komitee ein gemeinsames „Kiezevent“.

  3. März 2026
    Empfang in der iranischen Botschaft

    Nach eigenen Angaben ist Ibrahim Teil einer Delegation, die in der iranischen Botschaft in Berlin empfangen wird.

  4. 20. September 2026
    Wahlsieg und Wahlparty

    Die Linke gewinnt die Abgeordnetenhauswahl. Am Abend wird Ibrahim auf der Wahlparty des Neuköllner Bezirksverbands neben Koçak und Vanessa Emde fotografiert; im Namen des VPNK gratuliert er der Partei.

  5. 23. September 2026
    Dankesbotschaft veröffentlicht

    Eine Dankes- und Glückwunschbotschaft wird bekannt, in der Ibrahim seinen Beitrag zum Wahlsieg schildert.

Die Linke gerät in Erklärungsnot

Gefeiert wurde Ibrahim am Wahlabend auf der Party des Neuköllner Linken-Bezirksverbands im Festsaal Kreuzberg. Auf Fotos steht er neben dem Bundestagsabgeordneten Ferat Koçak und der frisch gewählten Abgeordneten Vanessa „Vedi“ Emde, im Shirt mit der Aufschrift „See you in Palestine“.

Auch Clanchef Issa Remmo war anwesend; die Linke erklärte, er sei nicht eingeladen und wieder hinausgeschickt worden. Der Familie des Clanchefs werden unter anderem der Diebstahl der 100-Kilogramm-Goldmünze aus dem Bode-Museum und des Sachsenschatzes aus dem Grünen Gewölbe zugeordnet.

Der Bezirksverband erklärte über Vorstandssprecher Hermann Nehls, es hätten „hunderte von Gästen und auch viele aus der palästinensischen Community“ gefeiert. Bezirksvorstandsmitglied Jorinde Schulz sagte der dpa, es gebe „weder politische noch persönliche Beziehungen“ zu Issa Remmo; die Veranstaltung sei öffentlich zugänglich gewesen.

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Sondierungen mit SPD und Grünen wackeln

Der Streit gefährdet die Sondierungen mit SPD und Grünen. Grünen-Landeschefin Nina Stahr verlangte Klarheit „bevor eine Regierungsbildung kommt“; der Grünen-Innenpolitiker Konstantin von Notz nannte Antisemitismus und Nähe zur Organisierten Kriminalität „Ausschlusskriterien für Regierungsverantwortung“. Menschen, die antisemitischen Strukturen nahestehen, dürften aus seiner Sicht nicht in politischer Verantwortung sein.

Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner (CDU) sprach mit Blick auf Remmo von einem „verstörenden Signal“. Der Präsident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, forderte SPD und Grüne auf, eine Regierungsbeteiligung der Linken zu verhindern – Warnung des Zentralrats vor einer Koalition. Linken-Politiker Bodo Ramelow wies das zurück. Die Union stellte infrage, sensible Informationen der Sicherheitsbehörden weiter mit Berlin zu teilen.

In Berlin leben rund 182.600 Menschen mit arabischem Migrationshintergrund; viele von ihnen haben durch die auch von Wegner vorangetriebene „Turbo-Einbürgerung“ die deutsche Staatsangehörigkeit erlangt. Die Linke wurde am 20. September mit 25,7 Prozent stärkste Kraft und kam auf 468.060 Zweitstimmen, in Neukölln auf 32 Prozent. Laut einer Wahlnachbefragung machten 51 Prozent der in Berlin wählenden Muslime ihr Kreuz bei der Linken.

Wie stark die Linke in Berlin und in Neukölln abschnitt

Wahlergebnis vom 20. September 2026 und Wahlnachbefragung; die drei Werte beziehen sich auf unterschiedliche Gruppen

Quelle: Wahlergebnis Abgeordnetenhauswahl Berlin; Wahlnachbefragung

Koçak zieht sich zurück, die Basis hält zu Ibrahim

Koçak erklärte, er habe „hunderte Fotos“ gemacht und gehe davon aus, dass ein Foto in Ordnung sei: „Von gewalt- oder terrorverherrlichenden Aussagen jeglicher Art distanziere ich mich ausdrücklich.“ Wenige Tage später ließ er seine Parlamentsfunktionen ruhen – nachdem ein Chat mit Firas Remmo bekannt geworden war, in dem er um Verbreitung einer Bundestagsrede bat.

Linken-Chefin Ines Schwerdtner nannte die Distanzierung „ein wichtiges Zeichen“, Fraktionschef Sören Pellmann sagte, Koçak ziehe sich „bis volle Transparenz hergestellt ist“ zurück. Spitzenkandidatin Elif Eralp erklärte im ZDF: „Mit organisierter Kriminalität haben wir nichts zu tun, die bekämpfen wir“ – und versprach den Schutz jüdischen Lebens.

Aus der Partei heraus war zur „Wahl-Intifada“ in Berlin aufgerufen worden; der Neuköllner Bezirkskandidat Basem Said teilte am Wahltag den Aufruf zur „Wahlintifada“ am Wahltag.

Zugleich regt sich parteiinterner Widerstand: Die Landesarbeitsgemeinschaft Palästinasolidarität stellte sich in einem Video „hinter den Genossen Ibrahim Ibrahim“. Ausschlussforderungen gegen Hannah Bruns laufen bereits; die frühere Bundestagsvizepräsidentin Petra Pau schrieb an Koçak: „Mir reicht es langsam.“

Attacke auf einen Reporter

Zwei Tage später eskalierte die Auseinandersetzung. Am 25. September berichtete die F.A.Z., der „Bild“-Reporter Iman Sefati habe Ibrahim nach einer Veranstaltung auf seine Unterstützung der Linken angesprochen. Ibrahim habe ihn angebruellt („Hau ab, ich will nichts sagen, hau ab!“) und ins Mikrofon gegriffen; aus der Menge heraus sei der Reporter geschlagen und in den Rücken getreten worden, bevor Polizisten eingriffen – wie Ibrahim auf einen Reporter losging.

Für die Linke wird die Zeit bis zu den Koalitionsgesprächen knapp. Eralp muss erklären, warum ein Mann, der den Wahlsieg für sich reklamiert, auf der Wahlparty ihrer Partei stehen durfte – und ob die Sondierungen mit SPD und Grünen daran scheitern.