452.969 Asylanträge sind von Januar bis September 2026 in der Europäischen Union, Norwegen und der Schweiz gestellt worden – 24,3 Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum. Deutschland ist in dieser Bilanz nur noch das dritte Zielland. Frankreich und Italien liegen vorn, wie die Einordnung der neuen Asylzahlen zeigt.
Die Zahlen stehen in einem als vertraulich gekennzeichneten Dokument der EU-Kommission, das auf Daten der EU-Asylagentur EUAA beruht und auf den 1. Oktober 2026 datiert ist. Die WELT AM SONNTAG veröffentlichte die exklusiv vorab veröffentlichten Zahlen zur Migrationslage am Wochenende; am 4. Oktober griffen tagesschau, Spiegel, ZEIT, Süddeutsche und weitere Medien sie auf.
Am 4. Oktober meldete die dpa zusätzlich 5.276 Asylerstanträge in Deutschland allein im September – ein Minus von 40 Prozent zum Vorjahr. Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) wertet die Entwicklung als Beleg für seine Migrationswende. Migrationsforscher widersprechen ihm offen.
Dobrindt sieht seine Wende bestätigt
Für den Minister zählen zwei Ebenen: die nationale und die europäische. In Deutschland sank die Zahl der Erstanträge im September um 40 Prozent, in EU+ seit Jahresbeginn um 24,3 Prozent. Beide Bewegungen verbindet Dobrindt mit seinem Kurs.
„Der deutliche Rückgang der Asylzahlen zeigt: Unsere Maßnahmen auf nationaler und europäischer Ebene wirken.“
Dobrindt hatte bereits im Juni einen Rückgang illegaler Einreisen um 51 Prozent als Erfolg verkündet; die Kritik an dieser damaligen Erfolgsmeldung kam von Migrationsforschern, die die Aussage unseriös nannten.
Die CDU-Migrationsexpertin im EU-Parlament, Lena Düpont, liest den Befund anders. Sie nennt nicht deutsche Maßnahmen als Hauptgrund, sondern Brüsseler Verträge: „Ein wesentlicher Grund für den Rückgang der Zahlen sind die Partnerschaftsabkommen mit wichtigen nordafrikanischen Ländern.“
Forscher verlegen die Ursache an den Reisebeginn
Hannes Schammann von der Universität Hildesheim zieht die Ursache eine Ebene vor: „Wenn weniger losgehen, kommen weniger bei uns an“, sagt der Migrationsforscher. Entscheidend sei, wie viele Menschen sich überhaupt auf den Weg machen – eine Größe, die sich vor allem in den Herkunftsländern und an den Außengrenzen entscheidet.
Ein Beispiel ist Syrien. Seit dem Sturz von Präsident Baschar al-Assad im Dezember 2024 gehen die syrischen Asylanträge stark zurück. Dieser Rückgang setzte lange vor dem neuen Kommissionsdokument ein.
„Dobrindt verkauft das als Erfolg. Es ist aber wohl eher eine Hoffnung, dass das einen Teil dazu beiträgt.“
Victoria Rietig von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik kommt zu einem ähnlichen Urteil. Sie nennt die Maßnahmen, auf die sich Dobrindt beruft, „an den Zahlen gemessen wenig effektiv“. Den Rückgang selbst bestreitet keiner der Forscher – strittig ist, wem er zuzurechnen ist.
Brüssel setzt auf Abkommen mit Drittstaaten
Die EU vertraut seit Jahren auf Verträge, die Migration schon vor der Überfahrt bremsen sollen. Am 1. Oktober billigten die Innenminister in Luxemburg die Rechtsgrundlage für Abschiebezentren in Drittstaaten – einen Tag bevor die Kommission ihr Dokument datierte.
Auch unabhängig von Asylverfahren geht die Zuwanderung nach Deutschland zurück: 2025 wanderten nur noch 235.000 Menschen mehr ein als aus, der tiefste Stand der Nettozuwanderung seit 2010.
Von Assads Sturz zu den neuen EU-Zahlen
- Dezember 2024Sturz von Baschar al-Assad
Der syrische Präsident wird gestürzt. Der starke Rückgang syrischer Asylanträge in den Folgejahren gilt als Ausgangspunkt der europäischen Entwicklung.
- 1. Oktober 2026EU-Kommission datiert ihr Dokument
Die Kommission datiert ein neues, als vertraulich gekennzeichnetes Dokument zur Migrationslage in Europa, das auf Daten der EU-Asylagentur EUAA beruht.
- 3./4. Oktober 2026WELT AM SONNTAG veröffentlicht vorab
452.969 Asylanträge in EU+ von Januar bis September, minus 24,3 Prozent. Deutschland ist nur noch drittes Zielland.
- 4. Oktober 2026dpa und weitere Medien, Streit um die Deutung
dpa meldet 5.276 Asylerstanträge in Deutschland im September. Dobrindt erklärt, die Maßnahmen wirkten; Schammann und Rietig widersprechen.
- 5. Oktober 2026Die Deutungsdebatte hält an
Über die Frage, ob die Migrationswende oder Abkommen mit Drittstaaten und die Lage in den Herkunftsländern den Rückgang erklären, wird weiter gestritten.
Wem gehört der Rückgang?
Beide Seiten stützen sich auf dieselben Zahlen. Unstrittig ist, dass weniger Menschen kommen. Strittig ist die Ursache: Rechnet Dobrindt sich zu, was Assads Sturz, nordafrikanische Abkommen und die Lage in den Herkunftsländern bewirken – oder tragen die Maßnahmen auf nationaler und europäischer Ebene tatsächlich einen Teil dazu bei?
Offen ist, wie die Bilanz für das gesamte Jahr 2026 ausfällt. Ob Abkommen, Herkunftslage oder deutsche Politik den Ausschlag geben, lässt sich daran prüfen – und ob Dobrindt den Erfolg dann noch allein für sich reklamieren kann.
